Schmerztabletten vergiften die Umwelt

21.Februar 2011

Eine vom U.S. Geological Service (USGS) durchgeführte Untersuchung ergab, dass Arzneimittelfabriken eine Hauptquelle für die Umweltverschmutzung mit Pharmazeutika sind. Die Studie enthüllte, dass die Medikamententenkonzentration im Abwasser der Fabriken mehr als tausend Mal höher sind, als die Werte, die in anderem Abwasser vorzufinden sind.

„Die Konzentration, die in diesem Abwasser gefunden wurde, ist viel höher, als wir jemals erwartet hätten,“ sagte der Untersuchungsleiter Patrick Phillips, dessen Studie in der Fachzeitschrift Environmental Science&Technology veröffentlicht wurde.

“Wenn die Menschen daran ein Interesse haben, die Medikamente von der Umwelt fern zu halten, dann könnte an dieser Stelle ein Ansatzpunkt sein.”

Die pharmazeutische Kontamination der Wasservorräte ist in den letzten Jahren weltweit in den Fokus der Öffentlichkeit geraten – bisher wurde davon ausgegangen, dass diese Verschmutzung vor allem auf menschlichen Urin und Fäkalien zurück zu führen sei. Weil die Wassersysteme der Erde dermaßen miteinander verbunden sind, konnten mehr als 100 verschiedene Medikamente in Nordamerika, Europa und Asien im Wasser festgestellt werden – sogar in Brunnen und in sehr abgelegenen Regionen.

Auf ihre eigenen Nachforschungen und auf den Informationen über Wasserlieferanten aus 77 Metropolregionen sowie aus 52 kleineren Gemeinden aufbauend, schätzte die Nachrichtenagentur Associated Press, dass mindestens 46 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten regelmäßig mit durch pharmazeutischen Mitteln verseuchtem Trinkwasser in Kontakt kommen.

Viele Medikamente werden nicht als Wasserverschmutzer angesehen, weshalb keine Höchstgrenzen für “sichere” Verunreinigungen aufgestellt wurden. Aber die Wissenschaft macht sich mittlerweile Sorgen, da viele Medikamente so hergestellt werden, dass sie im Körper bereits in einer so geringen Konzentration wie 1:1.000.000.000 (Einheit pro Milliarde, engl.: ppb) wirksam sein können, weshalb die gesundheitlichen Auswirkungen dieser Verschmutzung auf den Menschen und die Umwelt sehr ernst sein können. Erst vor Kurzem ergab eine weitere Studie der USGS, dass in einem Drittel der untersuchten Gewässer zweigeschlechtliche Fische gefunden worden.

“All diese Chemikalien sind für eine sehr spezielle Wirksamkeit in sehr geringen Dosen entworfen worden,“ sagt der Zoologe John Sumpter von der Londoner Brunel University. „Denn das ist es, was Medikamente tun sollen. Wenn sie in die Umwelt gelangen, sollte es für niemanden eine Überraschung sein, dass das dann auch irgendwelche Auswirkungen hat.“

Hinzu kommt, dass der Mensch über sein ganzes Leben große Mengen Wasser trinkt, und ein jedes Glas Wasser ist ein vollkommen ungetesteter Mix aus potenziell Dutzenden bioaktiven Bestandteilen – was es unmöglich macht, die letztlich auftretenden Auswirkungen vorherzusagen. Was alles noch schlimmer macht ist die Tatsache, dass viele giftige Chemikalien dafür bekannt sind, sich im Gewebe des Menschen oder von Tieren anzusammeln.

Für lange Zeit hat die pharmazeutische Industrie darauf beharrt, dass strikte Kontrollen es verhindern würden, dass signifikante Mengen ihrer Produkte in die öffentlichen Wasservorräte gelangen könnten. Aber im Jahr 2007 entdeckte der Forscher Joakim Larsson von der Universität Göteborg Antibiotika in einer Konzentration von 31mg pro Liter im Abwasser aus einer indischen Kläranlage. Die gemessenen Werte von Ciproflaxin in diesem Wasser lagen über dem Höchstwert, der als unbedenklich für den menschlichen Körper gilt. Das fragliche Klärwerk erhielt sein zu klärendes Wasser direkt aus einer Medikamentenfabrik.

Um zu überprüfen, ob das selbe Phänomen auch in den Vereinigten Staaten zu beobachten ist, sammelten Phillips und seine Kollegen Schmutzwasserproben aus 26 Kläranlagen in den USA. Zwei der untersuchten Werke erhielten das Abwasser von Fabriken, die Medikamente herstellen. Von diesen zwei Werken erhielt eines sogar mindestens 20 Prozent des gesamten Klärwassers aus derartigen Fabriken.
Die beiden Kläranlagen, die pharmazeutisches Abwasser aufbereiten sowie eines der Kontrollkläranlagen der Untersuchung liegen im Bundesstaat New York – die anderen 23 Aufbereitungsanlagen befinden sich in elf anderen Staaten. Zwischen 35 und 38 Abwasserproben wurden aus jedem New Yorker Klärbecken entnommen, aus den anderen Kläranlagen entnahmen die Forscher jeweils nur eine Probe.

Bei den Kläranlagen, die für die Aufbereitung des pharmazeutischen Abwassers verantwortlich sind, konnten bei der Analyse der Wasserproben sofort Unregelmäßigkeiten festgestellt werden.

„Als wir die Abwasserproben mit Hilfe der Verfahren Gaschromatographie und Massenspektrometrie analysierten, konnten wir Höchstbelastungswerte auf Grund von unbekannten Substanzen feststellen,“ erklärte die Forscherin Dana Kolpin. Eine nähere Analyse dieser Substanzen ergab, dass es sich dabei um sieben häufig genutzte Muskelentspannungsmittel und Opiatschmerzmittel handelte, die in Konzentrationen festgestellt wurden, die oft tausend Mal höher waren als in dem aufbereiteten Wasser der anderen 24 Kläranlagen.

Die sieben Medikamente wurden auch in Trinkwasserreservoirs 20 Meilen flussabwärts eines der betreffenden Kläranlagen festgestellt.

Alle sieben Medikamente befanden sich auch in den Proben der Kläranlagen, die kein Abwasser aus pharmazeutischen Fabriken erhalten; dort war die Konzentration in der Regel geringer als 1:1.000.000.000 (1ppb). Im Vergleich dazu lagen die Konzentrationen des Appetitzüglers Phendimetrazin und des Muskelentspannungsmittels Carisoprodol bei einem Wert von über 40ppb bei jenen Kläranlagen, die das Abwasser der Pharmakonzerne reinigen.

Die Konzentrationen des Barbiturats Butalbital erreichten Werte von 160ppb, die Schmerzmittel Methadon und Oxycodon lagen bei 400ppb, bzw. bei 1700ppb. Die höchsten Konzentrationen stellten die Forscher für das Muskelrelaxans Metaxalon fest, welches auf einen Wert von 3800ppb kam. Die angegebenen Konzentrationen ähnelten denen aus der indischen Studie, obwohl die dortigen Kontrollmaßnahmen und gesetzlichen Regelungen allgemein als laxer gelten müssen.

„Ich glaube nicht, dass irgendwer jemals gedacht hätte, dass wir in unseren Flüssen derartige Konzentrationen feststellen würden,“ gab Phillips an.

Diese Studie ist die erste in den Vereinigten Staaten, die aufzeigt, dass pharmazeutische Fabriken eine Hauptquelle der pharmazeutischen Umweltverschmutzung sind.

„Hoffentlich führen die Ergebnisse dieser Untersuchung dazu, dass die Pharmaunternehmen sich zu ihrem Anteil am Abwasser bekennen,“ fügte der Umwelttoxikologe Chris Metcalfe von der Trent University an.

Eine weitere Quelle für die pharmazeutische Umweltverschmutzung stellen die Antibiotika und Hormone dar, die an Zuchtvieh verfüttert werden und deren Auswirkungen hormonelle Unausgeglichenheit bei Fischen in der Nähe von Futterplätzen beinhalten. Des Weiteren können Medikamente, die auf die Haut aufgetragen werden, beim Baden oder Duschen abgewaschen werden und so ins Abwasser gelangen. Auch können Pharmazeutika ausgeschwitzt werden und dann beim Waschen der Kleidung in die öffentlichen Wasservorräte gelangen. Zusätzlich sind es Krankenhäuser, Pflegeheime und andere medizinische Einrichtungen, die regelmäßig abgelaufene oder unbenutzte Medikamente direkt im Abfluss oder in der Toilette entsorgen.

Quelle 1

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Quelle 3

Quelle 4

Quelle 5

Artikel gespeichert unter: Allgemein

bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Shivani Allgaier  |  17.Oktober 2011 at 14:53

    Danke für den ausführlichen Artikel. Ich habe auch über Schmerz geschrieben und zwar über den Zusammenhang mit Ästhetik, sehr überraschend was da herauskam…

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